E-Zweiräder müssen unbedingt Teil der Lösung für die Verkehrs- und Klimawende werden.
Vorweg: Ich kann das Gejammere um die Emissionen in der Innenstadt nicht mehr hören. Nie waren die Autos so sauber wie heute, Politik und sog. Umwelthilfe geilen sich stattdessen an fragwürdigen Grenzwerten auf, überall wird geflissentlich verschwiegen, dass direkteinspritzende Benziner mehr Feinstaub emittieren dürfen als Diesel (und es auch tun). Wenn ich mal innerorts an einer Kreuzung stehe, rieche ich steinalte Autos (vorzugsweise Lieferkarren), LKWs und natürlich Motorräder und Oldtimer, aber keine modernen Benziner oder Diesel mehr. Aber die sollen allenorts bluten, für die Stinker gibt es Ausnahmegenehmigungen ohne Ende.
Dann sehe ich persönlich nicht wirklich das Problem im CO2. Das steht für mich viel mehr in einem anderen Zusammenhang: Jeder fossile Kraftstoff setzt Energien frei, die vor Jahrmillionen Jahren auf der Erde gebunden wurden. Dieser Planet wird sich erwärmen, solange wir mehr Energie umsetzen als wir von der Sonne geliefert bekommen. Das korreliert dann übrigens mit der CO2-Frage: Wer weniger CO2 erzeugt, holt also auf jeden Fall weniger Energie "ans Tageslicht", da bin ich ja voll dabei. Aber mir kann keiner erzählen, dass Unmengen von Atomkraftwerken keinen Einfluss auf die Erderwärmung haben sollen.
Energie!
Womit wir beim Thema wären: Klimawende steht und fällt für mich mit dem Energieumsatz. Um von A nach B zu kommen, ist ein Fahrrad unschlagbar, sogar energetisch besser als zu Fuß zu gehen - den "Fußabdruck" bei der Herstellung mal ausgenommen.
Ein E-Auto löst das "Problem" lokaler Emissionen (siehe oben), aber es benötigt genauso Platz im fließenden und ruhenden Verkehr, wenn man nicht auch da endlich "weniger ist mehr" denkt und kleine schmale Stadtflitzer mit 3,50 und weniger "Länge über Puffer". Woanders ist man da schon viel weiter, ich kenne aus Japans Städten rechteckige Schachteln mit vier Rädern, wahre Raumwunder, wo auch mehr als ein Sack Grillkohle reinpasst. Es gibt sowas wie den Ami: 45er "Geh-Hilfen" - aus jetziger Sicht aber nüchtern betrachtet kranken die einzig an der schwachsinnigen 45-km/h-Hürde, die allerdings kaum noch eine für den urbanen Bereich ist, wenn erst flächendeckend mit maximal 30 km/h innerorts gestaut wird, alle Reisenden entsprechend länger unterwegs sind und die Straßen entsprechend voller als wenn man sich Mühe geben würde, den Verkehr am Laufen zu halten.
Und: Mit der CUx lag ich zuletzt bei 3,6 kWh auf 100 km inkl. Ladeverlusten, ein 125er wird in der Stadt locker mit 5-6 kWh zu bewegen sein - und meine Medley benötigt (bei 2,7 l/100 und 8,5 kWh je Liter) über 22 kWh, so viel wie ein Elektroauto.
Krach!
Völlig ignoriert im Emissionsproblem wird derzeit noch die akustische Komponente. Der Lärm der Fahrzeuge scheint mir nicht wesentlich weniger geworden zu sein in den letzten Jahren, ganz anders bspw. in Japan, wo extrem leise Fahrzeuge zusammen mit Flüsterasphalt zwischenmenschliche Gespräche direkt neben einer achtspurigen Verkehrsader problemlos möglich machen. Die sind uns Jahrzehnte voraus darin. Mir graut es schon vor der Kakophonie hunderter eben noch stillstehender E-Autos beim Anfahren an der Kreuzung. Vermutlich wird man sich früher oder später auch daran gewöhnen, aber die an dieser Stelle sinnlos vergeigte Stille ist doch wirklich ein Jammer! Trotzdem sind E-Autos schon mal der richtige Schritt - und E-Roller/Motorräder mit Radnabenmotor können noch viel leiser sein. Aber gerade weil die Dinger so eben gar kein Geräusch machen, wirst Du jeden Brüll- und Blubber-Motorradheini nur unter Androhung von Strafe auf ein E-Motorrad bekommen. Wobei ich das mit der Strafe für überfällig halte, das dümmliche asoziale Potenzgehabe ist komplett entbehrlich.
Platz!
In asiatischen Metropolen würde der Individualverkehr vollständig kollabieren, wenn die dort vorherrschenden Rollerfahrer alle auf Autos umsteigen. Im Umkehrschluss bedeuten viele Roller-statt-Auto-Fahrer sicher einen deutlichen Platzgewinn - fahrend wie stehend, man bekommt locker sechs Zweiräder auf einen PKW-Parkplatz. Gegen Regen gibt es gute Kleidung, ebenso gegen Kälte. Ich bin diesen Winter "durchgefahren" in Berlin wann immer es ging, mit Kniedecke und Windschild, einzig bei Schnee und Glätte lasse ich es bleiben, aber trockene -2 Grad sind kein Hindernis. Die NIU-Leihroller von Felyx haben diese Kniedecken auch im Winter dran - und werden gern genutzt in Berlin.
Hirn!
Ein weiteres Hindernis sehe ich in den Köpfen. Man muss erst mal rauskommen aus der Komfortzone (das muss man aber keinem Radler erklären, der bei Wind und Wetter in allen Jahreszeiten unterwegs ist), und man benötigt deutlich mehr fahrerische Intelligenz, wenn man auf dem Zweirad länger überleben will. Wenn die gemeinen strunzdummen deutschen Auto-Horst und -Brigitte von heute auf morgen aufs Zweirad umsteigen würden, gingen die Unfallzahlen wohl durch die Decke. Auf der anderen Seite haben unzählige elektronische Helfer in den Fahrzeugen nicht so signifikant die Zahlen nach unten geschraubt, sondern eher dafür gesorgt, dass man mit weit weniger Fahrfertigkeit unfallfrei von A nach B kommt, was zu viele Leute leider noch immer mit "ich kann Autofahren" verwechseln. Was ich an Elend jeden Tag in Berlin sehe ...
In summa: Weniger Energiebedarf als mit allen Vierrädern, weniger Platzbedarf, null Emission und last but not least auch noch deutlich weniger Geräusch - wenn auch nur die Hälfte aller Knattertöffs nicht durch E-Autos, sondern durch E-Roller ersetzt würden, wäre das aus meiner Sicht ganz sicher ein Riesengewinn für alle.
Danke an alle, die bis hierher durchgehalten haben 