Liebe E-Florett 3.0 Fahrer und Interessenten!
Da ich von vielen Berichten freiwilliger Autoren im Netz profitiert habe, kommt nun mein allererster Netz-Bericht, um neugierige Interessenten mit Informationen zu versorgen und vorhandenes Wissen mit anderen Spezialisten zu teilen und auszubauen.
Ich habe mir im August 2015 einen knapp einjährigen Aussteller der E-Florett 3.0 von Kreidler mit 0 km Laufleistung für 2499.- geholt und bin soweit zufrieden. Allerdings bin ich auch recht genügsam und mache viele kleine Arbeiten/Reparaturen gerne selbst und würde nur im Notfall vom Händler nacharbeiten lassen. Hier kommen meine
persönlichen ersten Eindrücke von der E-Florett 3.0, die sich natürlich nicht zwingend mit dem Eindruck anderer Fahrer/Tester/Käufer decken müssen. Zwar hatte ich die Illusion, dass es sich bei dem nicht ganz preiswerten E-Roller um ein Qualitätsprodukt handelt, war jedoch nicht wirklich von der üblichen Billig-Roller-Qualität überrascht/enttäuscht:
Mängel:
- Scheinwerfer leuchtete in den Himmel trotz tiefster Einstellung. Nacharbeiten notwendig.
- Verkleidungsteile nicht passend zusammengesteckt. Nut oft neben Feder, nicht eingerastet, ein Teil sogar an verbogener Metallaufnahme gebrochen.
- Klappern und Rattern durch lose Schraubverbindungen an Verkleidungsteilen. (Kopfsteinpflasterfahrt)
- Hauptständer und Spritzschutz/Nummernschildhalter schief. Schiefer Hauptständer hat allerdings den Vorteil dass der Roller - sofern richtig herum gestellt - gerade auf dem abschüssigen Gehweg steht.
- Sitzbank verbiegt sich ordentlich beim Aufsitzen: Bis 5cm Spaltöffnung hinten. Evtl. sollte ich abnehmen?
- Bremslichtkontakt zu dicht justiert. Auf Pflastersteinfahrt löste der Kontakt gelegentlich kurz aus und unterbrach den Antrieb. Teilweise war dann ein Neustart erforderlich, da keine Reaktion mehr vom Controller. Nach Justage des Bremslichtkontakts kein Problem mehr.
- Ladegerät sofort defekt. Problemloser Austausch durch Händler innerhalb einer Stunde! Danke!
- Tachometer nach 300 km defekt: Initialisiert, leuchtet, zeigt aber keine Geschwindigkeit mehr und zählt keine Kilometer. Tachoantrieb OK. Ersatz durch Händler bestellt (Gewährleistung).
Die üblichen Nachteile von Elektrofahrzeugen wie z.B. Temperaturabhängige Akkuleistung, Reichweite, Lademöglichekeit, etc. lasse ich mal weg. Ebenso verzichte ich auf die typischen Vorteile, wie Geräusch- und Emissionsarmut sowie nahezuhe Wartungfreiheit.
Minuspunkte
- Keine Rekuperation bzw. Energierückgewinnung beim Bremsen! Das ist der allergrößte Minuspunkt, da die Reichweite um bis zu 20% bei stop-and-go im städtischen Berufsverkehr steigt. Grund: Kostenfaktor oder Schonung des Antriebsakkus? Verbesserungsvorschlag: Rekuperation ein/aus per Software wählbar.
- Akku fest eingebaut. Keine schnelle Entnahme zum Laden/Lagern/Überwintern möglich. Vorteil: Diebstahlschutz!
- Externes und lautes Ladegerät. Diebstahl möglich. Laute Lüfter lassen sich anscheinend wegen nicht otimalem Wirkungsgrad und daraus resutlierender Abwärme des Laders nicht vermeiden. Verbesserungsvorschlag: Lüfterloses Einbauladegerät, da Akku sowieso fest verbaut.
- Ladestandsanzeige systembedingt ohne Aussagekraft. Wie schon im Forum geschildert handelt es sich um eine reine Spannungsanzeige mit 7 Balken, die bei der flachen Entladekurve von LiFePO4-Akkus wenig Sinn macht. Katastrophal: Komplettes Abschalten des Rollers bei 3 Balken ohne Vorwarnung. Alles dunkel. Nada, niente, Schockstarre. Nach ein paar Minuten Erholungszeit des Akkus geht der Roller aber wieder an und es können noch wenige 100 Meter in Schrittgescheindigkeit zurückgelegt werden, bevor der Controller wieder abschaltet. Verbesserungsvorschlag: Kapazitätsentnahmemesser mit Anzeige der entnommenen/verbleibenden Energie im Akku in Ah oder Wh und Prozent.
- Tageskilometerzähler zeigt bei 12 echten gefahrenen Kilometern nur 10 km an. 20% Abweichung der Wegstrecke. Geschwindigkeitsanzeike OK: Roller fährt ab Werk echte 43 km/h, die mit 41-42 km/h auf dem Tachometer angezeigt werden.
- Tachometer setzt den Tageskilometerstand nach manuellem Nullsetzen und anschließender Fahrt nach abschalten und erneutem Einschalten des Rollers erneut auf Null zurück. Bei der Zweiten Fahrt nach dem Nullsetzen normale Funktion. Tipp: Nach dem manuellen Rücksetzen der Tageskilometer, Roller einmal ausschalten.
- Tachometer rundet den Tageskilometerstand stets auf 0,5 km ab. Beispiel: Fahrt mit 5,4 km auf dem Tageskilometerzähler wird bei Abschalten des Rollers auf 5,0 km abgerundet. 5,9 km werden auf 5,5 km abgerundet. Bei Kurzstreckenfahrten kommen hier einige Fehl-Kilometer zusammen, was die Reichweiteneinschätzung stark beeinträchtigt. Ebenfalls wird der Gesamtkilometerstand um einen Kilometer erhöht, wenn ein Nulldurchlauf bzw. die Erhöhung um einen Kilometer beim Tageskilometerstand erfolgt. Tipp: Fahrradcomputer/Motorradcomputer zusätzlich verbauen.
- Es passt kein Bierkasten zwischen Lenker und Sitz.
Für manche Rollerfahrer ein nicht zu unterschätzendes Knock-out-Kriterium!
Pluspunkte
- Leistung! Ordentlich starker Anzug durch echte 3,5 kW mechanische Leistung am Hinterrad bei 4,0 kW elektrischer Leistungsaufnahme. Bergfahrten ohne Probleme. Fahrergewicht: 100 kg.
- Reichweite wie im Prospekt angegeben: Reichweite einer Rundfahrt mit gewöhnlichem Fahrverhalten, Ampelstops, Bergfahrt: 58,4 Kilometer laut Tacho, d.h. 70 echte Kilometer. Im rauhen Stadtverker mit viel Stop-and-Go werden von mir auf eine Woche verteilt mindestens 50 km erreicht, wobei der Tachometer wegen Abrundung der Tageskilometer und der 20% Abweichung teils nur etwas über 40 km anzeigt.
- Bequeme Mitnahme von Sozius und Gepäck: Ausreichend Platz, Stauraum und Leistungsreserven vorhanden.
- Sehr tiefer Schwerpunkt, der für eine hervorragende Straßenlage sorgt: kein herumeiern beim Anfahren und tiefe/schnelle Kurvenfahrten möglich.
- Langlebige und profesionelle Akkutechnik LiFePO4 (Lithium-Eisenphosphat) wie im E-KFZ-Bereich üblich. Andere Lithium-Techniken altern zu schnell.
- Nahezu geräuschloser und effizienter Antrieb durch 3-Phasen-Sinus-Motorcontroller und bürstenlosem Permanentmagnetmotor. Controller bleibt immer kalt. Motor wird erst nach einigen Kilometern gerade einmal handwarm.
- Ladezeit etwa eine Stunde pro 15 km Reichweite. In etwas über 4 Stunden ist der absolut leergefahrene Akku wieder voll. Zwischenladen lohnt sich also auch an den Besuchersteckdosen bei Bauhaus oder Kaufland.
Nun noch ein paar technische Details, über die es wenig Infos gibt:
- Hersteller: Jiangsu Motorcycle Co., Ltd. http://www.cccme.org.cn/shop/cccme6240/index.aspx
- Akku: 16 Einzelzellen LiFePO4 (Lithium-Eisenphoshat) Akku mit BMS (Batteriemanagementsystem) ordentlich verpackt in Alukiste mit Griffen. Ein Anschluss für den Antrieb und ein extra Anschluss für's Ladegerät. Die Nennspannung wird allgemein bei 16-zelligen LiFePO4-Akkus mit 48 Volt angegeben, liegt aber bei 3,2 bis 3,3 Volt Nennspannung einer LiFePo4-Zelle tatsächlich etwas höher bei rund 52 Volt. Die Ladeschlussspannung liegt bei 16 x 3,65 Volt = 58,4 Volt. Die Entladeschlussspannung liegt bei 16 x 2,8 Volt = 44,8 Volt. An beiden Punkten schalten das Ladegerät bzw. der Controller/BMS zuverlässig (und ohne Vorwarnung) ab. Die Spannungen sind gut gewählt, um ein langes Akkuleben zu ermöglichen. Besonders bei der Entladeschlussspannung wurde genug Reserve gelassen um eine schädliche Tiefentladung einzelner Zellen zu vermeiden und im gleichen Zuge die mögliche Zyklenanzahl zu steigern. Ein vorsichtiges öffnen des Akkugehäuses zeigt höchstwahrscheinlich die in silberfolie eingeschweißte LiFePO4-Zellen (optisch gleich wie die LiPos aus dem RC-Bereich) und nicht wie erwartet prismatische Einzelzellen im gelben, grünem oder blauen Kunststoffgehäuse (z.B. Winston). Nach dem Öffnen der ersten Schicht aus Kunststoffplatte und folgender Moosgummiplatte, in die die Zellen zum Schutz eingepackt sind, habe ich mich nicht getraut, den Akku weiter zu zerlegen. Da sich die eingepackten Zellen samt BMS nicht einfach aus dem profilierten Alugehäuse herausschieben ließen, habe ich die Aktion vorsorglich unterbrochen, damit ich nichts zerstöre und mich am Ende schwarz ärgere... Wer kennt das nicht?
- Der Hersteller des Antriebsakkus: Wolong: http://www.wolong.com.cn/dysyb/dysyb/dy ... Id=dtdy_id Eine passende Batterie gibt es dort nicht von der Stange, ist aber laut Kreidler von dort.
- Motor, Controller, Software: http://www.proud-eagle.com. Der Controller der E-Florett weicht von den angebotenen Produkten ab, lässt sich aber über USB mit einer Win7-Software programmieren (Strom, Endgeschwingdigkeit, Unterspannungsabschaltung etc.). Die Datei mit den Parametern zur Programmierung des Controllers der E-Florett 3.0 habe ich auf Anfrage zugeschickt bekommen. In der Kreidler-Anleitung zur Programmierung des Controllers wird die bei proud-eagle.com herunterzuladende Software focset.exe verwendet, für die allerdings eine Seriennummer notwendig ist (habe ich noch nicht bekommen können). Hier muss allerdings das Datum von Windows auf 2013 zurückgestellt werden, da sonst die Fehlermeldung, dass die Software veraltet sei, die Installation abbricht.
- Baugleiches Modell:: HANWAY E-COOL http://www.hanwaymotor.com/motorcycle-d ... ool-01.htm
- Bedienungsanleitung, Programmieranleitung etc. Aus Urheberrechtsgründen nicht öffentlich. Bitte mich kontaktieren.
Fotos:
Das Akkufach kann auch einen größeren Akku aufnehmen. Im vorderen Bereich habe ich nun das Ladegerät fest eingebaut. Besserer Schutz vor Witterung und Diebstahl.

- E-Florett 3.0 geöffnet

- Antriebsakku ausgebaut

- Batterie Aufdruck

- Ladegerät Aufdruck
Zusammenfassung
Insgesamt bin ich, wie schon zu Anfang erwähnt, mit der E-Florett 3.0 von Kreidler zufrieden. Leistung, Größe, Fahrverhalten und Verstaumöglichkeit sind hervorragend! Der Preis mit 2499.- Euro kneift nicht so sehr, wie die 3899.- UVP, die meiner Meinung nach unverschämt wären. Für diesen Preis bekommt man auch einen echten Markenroller samt aller Vorzüge. Mit einer besseren Qualitätssicherung könnten nervige Mängel ab Werk vermieden werden. Der Einstieg mit der E-Florett 3.0 in die Elektromobilität wird für einen Kunden mit normaler Erwartungshaltung für einige Enttäuschungen sorgen. Für Bastler wie mich, Fan der Elektromobilität mit sehr geringer Erwartungshaltung ist der Roller ein echtes Erlebnis! Mit Rekuperation, eingebautem Ladegerät oder leichter entnehmbarem Akku mit lüfterlosem Heimlader wäre dieser Roller, nach heutigem Entwicklungsstand der E-Roller-Branche, für mich ganz weit oben auf der Favouritenliste!
Nächstes Projekt: Controller programmieren. Update: abgeschlossen. Mit einem USB-Kabel zum Controller, der Software focset.exe und dem passenden Treiber, der bis Windows 7 läuft, lassen sich Strombegrenzung und Endgeschwindigkeit schnell und einfach einstellen. Die maximale Geschwindigkeit liegt bei rund 60 km/h auf ebener Fahrbahn. Es erforderte viel Aufwand und Geduld, bis der Controller das erste Mal mit dem Rechner korrekt verbunden war. Nun ist es ein Kinderspiel die Einstellungen anzupassen. Infos gerne per E-Mail.