Vor einem halben Jahr wurde ich durch ein Video auf YouTube aufmerksam auf „eines der günstigsten Microcars Deutschlands“. Da ich diese Art von Fahrzeugen schon lange auf dem Schirm hatte, schon einige Modelle gesehen und dazu recherchiert hatte, befasste ich mich nun mit dem Gedanken, tatsächlich solch ein Vehikel zu kaufen. Ich möchte nun mit euch meine ersten Erfahrungen mit dem Nelio Eco V3 teilen.
Meine weiteren Erfahrungen werde ich wahrscheinlich in einem Blog und in Videos teilen. Wenn es soweit ist, werde ich einen Link dazu hier posten. Kann aber noch etwas dauern.
Meine Motivation
Was mir bei meiner Recherche vor dem Kauf aufgefallen ist, dass es außer 2 Videos (eines vom Händler und eines, das einen absolut unkritischen Blick auf das Fahrzeug wirft) keine weiteren Informationen dazu gibt. Dieses Informationsloch möchte ich mit meinem Beitrag ein wenig füllen und hoffe, dem ein oder der anderen so, ein besseres Bild zu diesem Ei auf 3 Rädern geben zu können.
Beweggründe für den Kauf und kurze Vorgeschichte
Ich wohne auf dem Dorf, ca. 8 Kilometer von der nächsten Stadt entfernt. Je nach Wochentag fahren ca. 6 Busse am Tag. Ich bin froh, dass sie fahren. Spontanität oder zeitkritische Termine sind aber nur stark begrenzt möglich. Was Individualmobilität wirklich für die Lebensqualität bedeutet, kann man meiner Ansicht nach erst tatsächlich begreifen, wenn man ländlich wohnt. Wirklich. Man muss das erleben. Als jemand, der vorher in Großstädten gewohnt hat, war mir das Problem mit dem ÖPNV auf dem Land schon bekannt, was es aber tatsächlich für das Leben bedeutet, habe ich erst durch das Leben hier wirklich begriffen.
Ein großer Schritt war für mich der Kauf eines E-Scooters. Nicht für die letzte Meile, sondern als primäres Fortbewegungsmittel. Seit Juli 2025 besitze ich den Segway Ninebot Max G3 und er hat meine Mobilität deutlich verbessert. Mehr als 2600 km habe ich seitdem auf dem Teil verbracht und die knapp 1000€ waren eine der besten Investitionen der letzten Jahre. Ansonsten habe ich keine Erfahrung mit Elektrofahrzeugen.
Wieso also der Kauf des Microcars?
Winterfestigkeit
Ich habe ein Fahrzeug gesucht, mit dem ich auch im Winter fahren kann (deswegen sollte es mindestens 3 Reifen haben. Wie wintertauglich der Nelio ist, konnte ich noch nicht testen.
Reichweite
Das Fahrzeug sollte mehr Reichweite haben und so meinen Radius erweitern (mit dem Ninebot Max G3 schaffe ich hier in Mitteldeutschland und bei meinem Gewicht von ca. 110 kg knapp 30 km bei 100% Ladestand). Deswegen entschied ich mich für die V3-Variante mit dem LiFePO4-Akku.
Besserer Witterungsschutz
Kosten
Sowohl in der Anschaffung als auch im Unterhalt sollte das Fahrzeug für mich als Auszubildenden leistbar sein.
Geschwindigkeit
Das Vehikel sollte schneller sein als mein E-Scooter (der fährt die maximal zulässigen 22 km/h)
Elektrisch
Ich wollte ein Fahrzeug mit elektrischem Antrieb (weniger Verschleißteile, besser für die Umwelt). Hinweis: Ich wohne zur Miete und habe keine PV-Anlage o.Ä.
Kauf und Preis
Für eine Probefahrt bin ich extra nach Baden-Württemberg zum Händler gefahren (ca. 400 km hin und das gleiche wieder zurück). Beim Händler konnte ich auch andere Modelle probefahren, aber der Nelio Eco V3 blieb mein Favorit. Einige Tage später sagte ich dem Kauf zu. Es gab einen Vertrag und eine erste Anzahlung. Wartezeit war ca. 3 Monate. Daraus wurden letztendlich 6. Mit dem Händler selber bin ich nicht zufrieden. Die Kommunikation war wirklich unzureichend und das Verständnis für das Fahrzeug scheint wirklich nur rudimentär zu sein. Ich habe das Fahrzeug mit Winterreifen gekauft. Der Nelio Eco V3 hat mich 6799,95 € gekostet (5.999€ Grundpreis, 299,97 € Winterreifen mit Montage, 499 € Liefergebühren). Der Unterschied zur V2 ist lediglich der Akku.
Das Fahrzeug
Ich hatte keine Anforderungen an die Verarbeitung, und durch die Probefahrt, wusste ich ungefähr, was auf mich zukommt. Spaltmaße und die Qualität der Verarbeitung sind dem Preis entsprechend (nichts für deutsche Autoliebhaber
Basisdaten
Hersteller: AONEW
Modell: YH-T
Motorcontroller (das Gehirn des Fahrzeugs)
Das Teil steuert eigentlich alles in dem Fahrzeug. Von der Ladeleistung (ja, tatsächlich läuft der Ladestrom nicht direkt in den Akku, sondern erst mal zum Controller) bis zur Geschwindigkeitsanzeige im Display. Man kann dort auch einige Einstellungen tätigen. Das habe ich die nächsten Tage und Wochen auch vor.
Modellbezeichnung: VOTOL EM 100
DC-DC Wandler
Wandelt die Spannung von dem Akku auf 12 Volt für die ganze Bordelektronik
DC: 60V-72V-12V-30A
Akku
Mit 1000€ Aufpreis das teuerste Bauteil der kleinen Knutschkugel.
- Model: WH-7280-A
- Nominale Spannung: 76,8V
- Nominale Kapazität: 6144 Wh
- Größe: 360x280x250 mm
- Material Typ: LFP
- Gewicht: 46 kg
- BMS: Superpower (Chao Li Yuan), 24 Zellen, Bluetooth Verbindung
Weiß ich aktuell leider nicht mehr, als das was der Händler schreibt.
- 1500 Watt Nennleistung/3000 Watt Spitzenleistung
Das Fahrzeug zu fahren macht Spaß und es zieht gut an. Selbst an der stärksten Steigung hier im Dorf fährt der Nelio aus dem Stand ohne Probleme los (habe keine Promille-Angabe zur Steigung, aber ist wirklich steil). Es ist ungewohnt mit den 3 Rädern und in der Kurve sollte man vorsichtig sein, weil Kippgefahr besteht. Man fällt definitiv auf und ich hatte schon einige nette Gespräche mit fremden Menschen. Man passt fast überall rein und durch.
Die Geschwindigkeitsanzeige im Display ist sehr ungenau. Er zeigt mir bei Höchstgeschwindigkeit 50 km/h an, fährt laut GPS aber nur 38 km/h. Es ist möglich, dass im Motorcontroller der Umfang der Winterreifen nicht korrekt hinterlegt ist. Das schaue ich mir später definitiv an.
Der Ladestand wird im Display nicht in Prozent angegeben, sondern in einer Grafik mit 10 Balken und der aktuellen Spannung. Die Grafik ist an die Spannungswerte gekoppelt, also absolut unbrauchbar. Ladezeit oder andere Werte sucht man hier vergebens. Das sorgte dafür, dass ich bereits einmal liegengeblieben bin und das blaue Ei knapp 6 Kilometer schieben durfte (250 kg Leergewicht, bergauf und bergab. Das ging in die Arme). Jetzt befindet sich der Akku in einem Sicherheitsmodus und das mitgelieferte Ladegerät will nicht laden. Das kann daran liegen, dass der Motorcontroller auch keinen Strom mehr hat (weil die Batterie bei 0 % SOC ist) und deswegen den Strom nicht durchlässt. Oder das Ladegerät erwartet eine gewisse Gegenspannung beim Anschließen, die aufgrund des Sicherheitsmodus niedriger ist, und das Ladegerät denkt deswegen, da hängt nichts dran. Ich habe mir bereits ein Labornetzteil bestellt, um das Problem zu lösen.
Dass der Akku überhaupt mit der Außenwelt sprechen kann, habe ich nur durch Zufall erfahren (der Händler hat von der Bluetooth-Funktion jedenfalls nichts gesagt). Erst als ich das 46 kg schwere Ding ausgebaut hatte, habe ich die 3 QR-Codes für die App gesehen. Daher weiß ich jetzt deutlich mehr über den Akku. Für die Zukunft werde ich noch etwas basteln müssen, um den SOC auch während der Fahrt auslesen zu können. Denn das BMS sitzt mit den Zellen in einer Blechkiste, und die schränkt das Bluetooth-Signal stark ein, weswegen die Verbindung zum Smartphone nur funktioniert, wenn man es auf den Akku legt. Aufgrund der fehlenden Informationen kann ich deswegen auch noch keine Angaben zum Verbrauch und zur Reichweite machen.
Die Einstellmöglichkeiten im Display des Fahrzeugs sind gleich null und das Touchdisplay funktioniert nur mit viel Geduld.
Ansonsten noch ein paar kleinere Anmerkungen:
- Fahrzeug ist sehr windanfällig
- Das Laden wird im Display nicht angezeigt
- Kennzeichenhalterung ist für chinesische Kennzeichen (ich habe mir da was mit einem Lochblech selber gebastelt)
- Es ist fast unmöglich, die Scheibenwischwasserdüsen richtig einzustellen. Entweder sie spritzen über das Fahrzeug (weil auch einfach zu viel Druck dahinter ist), oder alles landet am unteren Ende der Frontscheibe.
- Der Stecker des Ladegerätes ist zu kurz für normale Verlängerungskabel. Man kriegt ihn nicht tief genug rein. Deswegen muss eine Steckdosenleiste o. Ä. dazwischengehangen werden.
Ich halte euch dann in meinem Blog auf dem Laufenden, beantworte aber auch gerne eure Fragen hier. Für Tipps oder Erfahrungsberichte bin ich ebenfalls sehr dankbar. Bin ja auch noch komplett neu in dieser Welt der Microcars.
Liebe Grüße