Das Laden
Vor der Tour herrschte eine weit verbreitete Annahme:
Benziner und elektrische Motorräder können keine längere Tour gemeinsam fahren, weil die Benziner ständig auf die Elektrische warten müssen.
Nach über 3.000 Kilometern lautet mein Urteil:
Vollkommener Quatsch.
Der entscheidende Punkt ist nämlich, dass die Elektrische morgens immer voll ist. Während die GS-Fraktion noch über Reifendruck, Wetter-App und Frühstück diskutiert, steht die Batterie bereits bei 110 Prozent.
Auf den Straßen Sloweniens, Kroatiens und Bosniens bedeutet das drei bis vier Stunden zügiges Fahren.
Und dann passiert etwas Erstaunliches:
Die Fahrer bekommen Hunger.
Die eigentliche Kunst besteht also nicht darin, Ladestationen zu finden, sondern Futterstationen in der Nähe von Ladestationen.
Je nach Tagesetappe musste ich die Batterie mittags nicht einmal vollständig laden. Oft genügte ein Teilnachladen während des Essens. An manchen Tagen fiel die Ladepause sogar komplett aus. Auf den langen Heimstrecken, auf denen ich allein unterwegs war, teilte ich die Energieaufnahme einfach auf zwei Stopps auf.
Jeweils für das Motorrad und für den Fahrer.
Meine Elektrische beherrscht drei Ladearten:
- Typ-2 bis 12,3 kW
- Starkstrom bis 7 kW
- Schuko-Steckdose bis 3,3 kW
Schuko nachts im Hotel, Typ-2 unterwegs und Starkstrom zum Vergnügen.
Das erste Highlight gab es bereits am ersten Frühstücksstopp nach der Ankunft in Graz.
Während die Gruppe ein Restaurant stürmte, fragte ich die Bedienung, ob irgendwo Starkstrom verfügbar wäre.
Sie verschwand in Richtung Küche.
Kurz darauf erschien der Chef persönlich, zog die Fritteuse aus der Steckdose, rollte ein Verlängerungskabel heran und versorgte mein Motorrad mit sieben Kilowatt.
Die Elektrische bekam ihr Frühstück gleichzeitig mit ihrem Fahrer.
Das war der erste Moment, in dem die Skepsis der Benziner sichtbar zu bröckeln begann.
Spontanes Starkstromladen statt Fritteuse
Der erste geplante Ladestopp lag in Trbovlje.
Kurz davor entdeckte die Gruppe ein Motorradlokal auf einer Passhöhe und beschloss spontan eine Pause einzulegen.
Ich trennte mich von der Gruppe.
Aus Erfahrung wusste ich, dass niemand fünf Kilometer später schon wieder essen möchte.
Also fuhr ich allein weiter zur geplanten Ladesäule am Museum.
Dort erwartete mich eine Überraschung.
Das gesamte Gelände war für ein Fest abgesperrt.
Die Ladesäule war vorhanden.
Sie funktionierte.
Sie war lediglich vollständig mit Stehtischen umbaut und in Frischhaltefolie eingewickelt.
Man muss Prioritäten setzen.
Also lud ich stattdessen beim Lidl nebenan und ernährte mich auf kulinarischem Spitzenniveau von Supermarkt-Fastfood.
Das Bemerkenswerte daran:
Genau in dem Moment, als die Batterie voll genug war und ich das Ladekabel einpackte, fuhr die komplette Benzinergruppe am Lidl vorbei.
Essenspause gleich Ladepause.
Zeitverlust durch die Elektrische: Null Minuten.
Da ich ohnehin mit einem Solo-Nachmittag gerechnet hatte, verzichtete ich darauf, die Gruppe einzuholen.
Das Ergebnis war überraschend.
Ich kam rund eine Stunde vor den Benzinern am Hotel an.
Sie mussten unterwegs nämlich noch tanken und natürlich etwas essen.
Im Hotel konnte ich wie geplant an einer Steckdose laden und startete am nächsten Morgen wieder mit voller Batterie.
Der spannendste Ladepunkt der gesamten Tour lag in Knin.
Dort existiert im Umkreis von etwa 30 Kilometern keine Alternative. Wenn diese eine Säule nicht funktioniert, beginnt die Kreativität.
Ich hatte bereits mehrere Starkstrom-Notfallpläne vorbereitet.
Völlig unnötig.
Die Säule funktionierte perfekt.
Direkt gegenüber befand sich das Stammlokal des Motorradclubs „Stormriders“, in dem wir einkehrten.
Die Stimmung erreichte ihren Höhepunkt, als sich herausstellte, dass der Sohn der Wirtin in Isny lebt.
Für Außenstehende mag das belanglos klingen.
Für eine Gruppe Motorradfahrer aus der Gegend von Isny war das praktisch ein diplomatischer Staatsbesuch.
Kurz vor dem Espresso machte ich einen Fehler.
Ich wollte Fotos vom Motorrad machen.
Dafür schaltete ich die Zündung ein.
An was ich nicht dachte:
Die Zündung beendet den Ladevorgang.
Als ich später zurückkam, hatte die Batterie exakt denselben Ladestand wie zuvor.
Manchmal könnte man sich wirklich selbst in den Hintern beißen.
Dieser Fehler hatte gleich mehrere Folgen.
Die Benziner fuhren ohne mich los.
Ich musste länger laden.
Und während die anderen gerade noch trocken die Küste erreichten, wurde ich vom heftigsten Gewitter erwischt, das ich jemals auf dem Motorrad erlebt habe.
Wasserfälle liefen über die Straße.
Die Serpentinen verwandelten sich in Bäche.
Pfützen hatten Tiefen, die normalerweise auf Seekarten verzeichnet werden.
Zum ersten Mal überhaupt dachte ich darüber nach, den Rain-Modus zu aktivieren.
Die Elektrische hingegen zeigte keinerlei Interesse an meinem Drama.
Sie fuhr einfach weiter.
Obwohl sich Wasser und Strom angeblich nicht vertragen.
Trotz des Regens erreichte ich das Ferienhaus nur etwa fünfzig Minuten nach den anderen.
Das Laden dort entwickelte sich ebenfalls zu einer kleinen Geschichte.
Die Steckdose im Garten war vorhanden.
Mein Kabel reichte exakt bis zum Motorrad.
Perfekt.
Nur leider war die Steckdose ausgeschaltet.
Ein Anruf beim Besitzer in Hamburg brachte die Erklärung:
Smarthome.
Nachdem er seiner künstlichen Intelligenz erklärt hatte, dass ich tatsächlich Strom benötigte, funktionierte alles problemlos.
smarthomegesteuerte Gartensteckdose
Die Inselrunde am nächsten Tag war kurz genug, dass überhaupt keine Ladung notwendig war.
Am Dubrovnik-Tag stand eine Ladestation in der Nähe der Altstadt auf meinem Plan. Leider lag sie etwa zwanzig Minuten Fußweg von der Altstadt entfernt.
Gut, wenn man Benziner dabei hat.
Ich parkte die Elektrische an der Ladesäule, setzte mich auf den Soziusplatz der Multistrada und ließ mich als nichtzahlenden Kunden zur Altstadt chauffieren. Alternative wäre gewesen ein Taxi zu zahlen, das direkt neben der Ladestation stand.
Nach dem Stadtbesuch trennten sich die Wege.
Zwei Fahrer – ich nenne sie einmal die Vernünftigen – beschlossen, noch ein Museum zu besichtigen.
Übrig blieben die Unvernünftigen und die Elektrische.
Die ursprünglich geplante Route führte über kleinere Straßen zurück Richtung Ferienhaus.
Die Unvernünftigen hatten jedoch nach einer besonders ruppigen Nebenstraße genug von Romantik und Abenteuer und drängten auf eine größere, schnellere Straße.
Das bedeutete zwar einen Umweg.
Vor allem bedeutete es aber deutlich höhere Durchschnittsgeschwindigkeiten.
Und wenn die Unvernünftigen erst einmal unterwegs sind, bleibt es selten bei höheren Durchschnittsgeschwindigkeiten.
Die Schräglagen nahmen ebenfalls deutlich zu.
Für einen Elektrofahrer wäre das eigentlich der ideale Zeitpunkt gewesen, den berühmten Satz zu sagen:
„Könntet ihr vielleicht etwas langsamer fahren?“
Lieber hätte ich mir die Zunge abgebissen.
Also blieb ich auf meiner angestammten Position als Lumpensammler und fuhr hinterher.
Wobei bei den gefahrenen Geschwindigkeiten ohnehin keine Zeit zum Sammeln geblieben wäre.
Das Ergebnis war, dass die ursprünglich geplante Energiereserve etwas kleiner ausfiel als vorgesehen.
Nicht dramatisch, aber ausreichend, um kurz hinter der kroatischen Grenze einen ungeplanten Ladestopp einzulegen.
Direkt nach der Grenze fand ich eine wunderschön gelegene Ladesäule mit Parkanlage, Flussufer und Eiscafé.
Perfekt.
Dachte ich.
Leider lud dort bereits ein Auto und der zweite Ladeanschluss war defekt.
Der einzige technische Defekt einer Ladesäule während der gesamten Reise.
Sieben Kilometer weiter stand die nächste Säule.
Mitten im Gewerbegebiet.
Zwischen Waschanlage, Werkstatt und Supermarkt.
Kein Fluss. Kein Eis. Kein Charme. Dafür Strom.
Nach fünfzehn Minuten hatte ich genug Energie und verschwand wieder.
Die Unvernünftigen waren inzwischen sehr zügig direkt ins Ferienhaus gefahren.
Am nächsten Tag stand der Umzug nach Sarajevo an.
Die Gruppe teilte sich erneut auf.
Die Unvernünftigen wollten möglichst früh ankommen, weil für den Nachmittag Regen angekündigt war.
Den Vernünftigen war das egal.
Und die Elektrische hatte zusätzlich ein Reifenproblem.
Dazu später mehr.
Witzigerweise trafen die Unvernünftigen und die Elektrische getrennt aber fast zeitgleich in Sarajevo ein.
In Mostar sprach mich während des Parkens ein Mann an, der unbedingt wissen wollte, ob das Motorrad wirklich elektrisch sei.
Als er erfuhr, dass ich damit aus Deutschland angereist war, reagierte er ungläubig.
Er selbst fährt regelmäßig mit einem Elektroauto nach Bosnien und kennt die Infrastruktur gut.
Seine Reaktion schwankte irgendwo zwischen Respekt und leichter Fassungslosigkeit.
Meine Antwort war ehrlich:
Bis jetzt empfinde ich das Ganze eigentlich nicht als besonders schwierig.
In Sarajevo verlief das Laden in der Tiefgarage des Hotels völlig entspannt (und kostenlos).
Vor der Weiterfahrt nach Banja Luka lag meine nächste Ladestation etwa 600 Meter von den berühmten Wasserfällen in Jajce entfernt.
Die Benziner fuhren direkt zur Sehenswürdigkeit.
Ich zur Ladesäule.
Da ich die Strecke zu Fuß nicht laufen wollte, sprach ich die herumstehenden Busfahrer an.
Zum Glück war gerade Schulschluss.
Also brachte mich kurzerhand ein Schulbus bis zur Haltestelle an den Wasserfällen.
Nach Besichtigung und Getränk brachte mich die F750GS wieder an die Ladesäule und wir fuhren gemeinsam weiter.
In Banja Luka mussten die Benziner noch tanken.
Ich fuhr direkt zum Hotel.
Schließlich wollte ich nicht unnötig auf Benziner warten die tanken.
Danach kam der Tag der Trennung.
Die Benziner fuhren Richtung Graz.
Teilweise über Autobahn.
Igitt.
Ich dagegen bog Richtung Villach / Großglockner ab.
Wenn man von der besonderen und wunderschönen Landschaft und Strecke mal absieht, verlief von dort ab alles langweilig problemlos.
- Burgeressen mit Laden in Jastrebarsko,
- Schlafen, Essen und Laden im motorradfreundlichen Viersternehotel Grof.
- Cappuccino mit Croissant am Faaker See im Standbadrestautrant (und Laden neben dem Eingang),
- Pizza und Lärmmessung (und Laden) in Winklern vor dem Großglockner,
- Schlafen im Ski&Golf Chalet bei Lorenza in Mittersill, Laden im Gartenhaus,
- Steakessen im Hirschen in Imst und Laden im Coupra-Showroom,
- leckerer Erdbeerkuchen und gute Gespräche bei Freunden in Isny (und Laden).
Die ersten Tropfen eines Gewitters erreichten mich erst, als ich zuhause in die Garage rollte.
Perfektes Timing.
Wenn man diesen Abschnitt zusammenfassen möchte, dann vielleicht so:
Das war
ein ziemlich langes Kapitel über Probleme, die nie aufgetreten sind.
230 Volt in der Unterkunft, Typ-2 unterwegs und notfalls Starkstrom als Plan B.
Unterm Strich habe ich ungefähr genauso lange auf Benziner an Tankstellen gewartet wie sie auf mich an Ladesäulen.
High-Tech Ladesäule in Jajce bei den Wasserfällen, Bosnien.