Vier Benziner und ein Stromer. Dalmatien, Bosnien, über 3.000 Kilometer: Wie geht das?

STF2023
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Vier Benziner und ein Stromer. Dalmatien, Bosnien, über 3.000 Kilometer: Wie geht das?

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Ich fahre mittlerweile in der dritten Saison elektrisch Motorrad – und das Konzept überzeugt mich von Jahr zu Jahr mehr.
In unserer Benzinergruppe steht jedes Jahr mindestens eine größere Motorradtour auf dem Programm. 2024 bin ich die Tour von 2023 – Bayern, Österreich, Steiermark und zurück – mit meiner Elektrischen nachgefahren. Vier Tage, problemlos (viewtopic.php?t=42196).
2025 folgte der nächste Härtetest: eine Kombination aus der Route des Grandes Alpes und einer Toskanatour. 2.500 Kilometer, rund 30 Pässe, acht Tage. Wieder lief alles erstaunlich entspannt (viewtopic.php?t=45812).

2026 gab es allerdings nichts mehr zum Nachfahren. Also fasste ich einen kühnen Entschluss:
Diesmal fahre ich einfach direkt mit.
Meine kleine, zierliche Elektrische sollte sich auf dieser Tour mit ausgewachsenen Schlachtrössern messen:
  • BMW R1300GS
  • BMW R1250GS
  • BMW F750GS
  • Ducati Multistrada V4S
Und dann gab es noch eine zusätzliche Schwierigkeit: Die komplette Route war bereits von der R1300GS geplant worden. Hotels waren gebucht. Tagesetappen standen fest. Zu einem Zeitpunkt, als noch alle davon ausgingen, dass ich wie gewohnt mit meiner BMW K1200R unterwegs sein würde.
Auf meine erste vorsichtige Andeutung, eventuell elektrisch mitzufahren, kam deshalb die spontane und eindeutige Antwort:
„Nein! Eine Elektrische nehmen wir nicht mit!“
Nachdem die erste vollständige Planung vorlag, prüfte ich zwei entscheidende Punkte:
Sind Autobahnen vorgesehen?
„Nein.“
Sind Tagesetappen über 400 Kilometer geplant?
„Nur eine.“
BINGO.

Also begann die Detailplanung. Für jeden Tourtag suchte ich einen passenden Ladepunkt für die Mittagspause heraus. Nachts sollte jeweils im Hotel geladen werden.
Ursprünglich war die An- und Rückreise mit dem NightJet zwischen Feldkirch und Graz geplant. Allerdings stand der Großglockner noch auf meiner persönlichen To-do-Liste für die Elektrische. Also verlängerte ich die Tour kurzerhand um zwei Tage. Nach dem achten Tag trennten sich unsere Wege in Bosnien.

Mit dieser Änderung ging ich erneut auf die Benzinerfraktion zu:
Ich werde elektrisch fahren. Hier sind meine Ladepunkte. Und falls ihr während der Ladepause nicht auf mich warten wollt, fahrt einfach weiter. Dann bin ich eben am Nachmittag allein unterwegs.“
Spätestens an diesem Punkt merkten die anderen, dass ich das ernst meinte.
Kurz vor der Abreise wechselte ich außerdem noch das Hotel in Sarajevo. Das ursprünglich gebuchte Haus konnte oder wollte keine Lademöglichkeit für das elektrische Motorrad bereitstellen. Für einen Elektrofahrer ist das ungefähr so praktisch wie eine Tankstelle ohne Zapfsäulen.

Damit war ich in gleich drei Punkten Außenseiter der Gruppe:
  • Strom statt Benzin
  • Eine Einzelkabine im NightJet statt zwei Nächte in der Viererkabine
  • Hotel President statt Hotel Sana in Sarajevo
Die Voraussetzungen für ein harmonisches Gruppenfoto waren also eher überschaubar.

In diesem Bericht werde ich ausführlich über die Erfahrungen dieser gemischten Tour berichten.

Was ihr hier allerdings nicht finden werdet, sind ausführliche Beschreibungen von Landschaften, Altstädten, Küstenstraßen oder kulinarischen Höhepunkten.
Davon gibt es im Internet bereits den hundertsten Reisebericht des zehntausendsten GS-Fahrers.
Nur so viel:
Die lügen alle.
Es ist noch viel schöner.

Die folgenden Kapitel
  • Streckenverlauf und Planung
  • Das Fahren
  • Das Laden
  • Die (anderen) Reifen
  • Bemerkenswertes
  • Für Zahlenfetischisten
  • Statements der Benziner
  • Abschlussstatement
PS: Bitte wartet mit Kommentaren, bis ich das Abschlussstatement gepostet habe.
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Re: Vier Benziner und ein Stromer. Dalmatien, Bosnien, über 3.000 Kilometer: Wie geht das?

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Streckenverlauf und Planung
Die von der R1300GS ausgearbeitete Route sah zunächst recht harmlos aus: knapp 1.000 Kilometer von Graz bis Dubrovnik und anschließend weitere rund 1.000 Kilometer über Sarajevo zurück nach Norden.
Für die Benziner war damit alles geklärt.

Für mich begann die Arbeit erst.
Da der Großglockner noch auf meiner persönlichen Elektro-Bucket-List stand, verlängerte ich die Tour nach der gemeinsamen Rückfahrt durch Bosnien kurzerhand um weitere 1.000 Kilometer. Während die anderen nach Banja Luka Richtung NightJet und Heimat abbogen, begann für mich praktisch eine zweite kleine Motorradtour.
Die Übernachtungen verteilten sich dabei auf den NightJet von Feldkirch nach Graz, eine Nacht bei den Plitvicer Seen, drei Tage in einem Ferienhaus direkt am Meer in Brist, zwei Nächte in Sarajevo und eine in Banja Luka. Danach trennten sich die Wege: Die Benziner steuerten Graz und den Nachtzug an, während ich über Vransko, Slowenien, den Großglockner, Mittersill und mehrere Alpenpässe den Heimweg antrat.

Die grobe Route sah auf der Karte bereits beeindruckend aus. In der Realität wirkte sie noch etwas größer.
DieTour.jpg
Links oben das heimische Sofa. Rechts unten Dubrovnik. Dazwischen jede Menge Kurven, Berge, Grenzübergänge, Ladesäulen und gelegentlich auch etwas Urlaub.

Bei der Planung interessierten die anderen vor allem zwei Zahlen: Kilometer und Fahrzeit.
Mich interessierte zusätzlich noch eine dritte:
„Wie weit ist die nächste Steckdose entfernt?“
Deshalb führte ich neben der eigentlichen Tourplanung noch eine zweite Tabelle. Während die Benziner lediglich wussten, wo wir schlafen und fahren würden, wusste ich zusätzlich, wo mein Motorrad und ich währenddessen unseren Energiesnack bekam.

Im Nachhinein zeigte sich, dass die Planung erstaunlich gut funktionierte. Die tatsächlichen Tageskilometer wichen meist nur wenig von der ursprünglichen Planung ab. Änderungen ergaben sich hauptsächlich durch spontane Streckenanpassungen, Wetter oder die übliche Gruppenkrankheit namens „Da vorne sieht die Straße interessant aus“.
Besonders bemerkenswert war dabei, dass die längste Distanz zwischen zwei Ladepunkten bei rund 225 Kilometern lag. Für die Elektrische war das bereits eine Strecke, die man im Auge behalten sollte. Für die GS-Fraktion war das ungefähr der Moment, an dem die Tankanzeige von „voll“ auf „immer noch ziemlich voll“ wechselte.

Einige ursprünglich geplante Schleifen wurden wegen drohenden Regens gestrichen, an anderen Tagen kamen spontan zusätzliche Kilometer hinzu. Der größte Unterschied zwischen Planung und Realität entstand allerdings nicht durch die Elektrische, sondern durch ganz normale Tourenlogik: Fähren, Wetter, Straßensperrungen, Ortsdurchfahrten und die Erkenntnis, dass eine auf der Karte wunderschöne Nebenstraße in Wirklichkeit auch wunderschön langsam sein kann.

Die vollständigen Tagesetappen mit geplanten und tatsächlich gefahrenen Kilometern finden sich für die Zahlenfreunde weiter unten. Für alle anderen genügt die Kurzfassung:
- Über 3.000 Kilometer.
- Vier große Benziner.
- Ein elektrisches Motorrad.
Und deutlich weniger Drama, als alle erwartet hatten.
Inselbild.jpeg
auf der Inseltour
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Re: Vier Benziner und ein Stromer. Dalmatien, Bosnien, über 3.000 Kilometer: Wie geht das?

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Das Fahren
Von meinen bisherigen Touren wusste ich bereits, wie angenehm und problemlos sich das elektrische Motorrad auf längeren Strecken fährt.
Diesmal ging es allerdings nicht darum, allein unterwegs zu sein. Die Herausforderung lautete: Kann die Kleine in einer Gruppe mit vier ausgewachsenen Reiseenduros mithalten?

Die Rollen waren schnell verteilt. Die R1300GS spielte meist den Scout an der Spitze. Dahinter die F750GS. Anfangs fuhr die Elektrische noch irgendwo im Mittelfeld, gefolgt von der R1250GS und der Ducati Multistrada V4S. Ohne, dass es wirklich wichtig wäre, aber das Alter des Fahrers der Elektrischen ist ebenfalls in der Mitte der Gruppe.
Hauptdarsteller.jpeg
Die Hauptdarsteller: R1300GS, F750GS, R1250GS, die Elektrische, Multistrada V4S

Irgendwann sortierte sich die Gruppe jedoch neu.
Die Elektrische landete ganz hinten.
Lumpensammler.
Und genau dort gehört sie eigentlich auch hin.
Nicht weil sie zu langsam wäre, sondern weil die dicken Reiseenduros beim Überholen eine Eigenschaft zeigten, die ich vorher nicht auf dem Schirm hatte: Sie beschleunigten erstaunlich gemächlich.
Nach einigen Kolonnenüberholmanövern beschwerte ich mich daher vorsichtig:
„Könnten die R1250GS und die Multistrada beim Überholen vielleicht etwas mehr Gas geben? Ich würde auch gerne noch vorbeikommen.“
Die Antwort der R1250GS kam trocken:
„Ich gebe immer alles beim Überholen.“
Ab diesem Moment nahm ich etwas Gas zurück, um künftig kein Risiko mehr einzugehen, der Multistrada ins Heck zu fahren.
Die Beziehung zwischen Papierwerten und Realität ist manchmal kompliziert.

Überhaupt zeigte sich auf der Tour erneut ein Vorteil des elektrischen Fahrens, den man erst richtig schätzt, wenn man ihn längere Zeit gewohnt ist: Langsamfahren.
Wo Verbrennerfahrer mit Kupplung, Drehzahl und gelegentlicher Nervosität kämpfen, fährt die Elektrische völlig entspannt bis weit unter Schrittgeschwindigkeit. Selbst Geschwindigkeiten, bei denen der Tacho eher rät als misst, sind problemlos möglich. Ich habe die Elektrische auch im Gegensatz zu ein paar Benzinern die ganze Reise nie abgewürgt.
Das wurde besonders interessant, als uns die R1300GS eines Tages auf Wege führte, die vermutlich irgendwann einmal Straßen gewesen waren.
- Die Route wurde immer schmaler.
- Dann wurde sie geschottert.
- Dann ausgewaschen.
- Und schließlich kamen noch Pfützen und Schlamm dazu.
Mit meiner K1200R hätte ich an dieser Stelle vermutlich begonnen, nach Ausreden zu suchen.

Die Elektrische dagegen zuckte nicht einmal mit dem Scheinwerfer. Im Eco-Modus musste ich weder auf Kupplung noch auf Drehzahl achten und konnte mich vollständig auf Balance und Linienwahl konzentrieren.

Natürlich nutzte ich die Gelegenheit, mich ausgiebig über die Kollegen lustig zu machen.
Schließlich standen dort mehrere Motorräder, deren Prospekte Begriffe wie „Adventure“, „Enduro“, „Gelände“ und „Multistrada“ tragen, während ich auf einer Maschine unterwegs war, die offiziell eher in die Kategorie „Sports Road“ fällt.
Mein Hinweis, dass eigentlich die anderen weniger Probleme haben sollten als ich, wurde erstaunlicherweise nicht mit Begeisterung aufgenommen.

Auch in den Städten bot die Tour ihre Genussmomente.
Besonders erinnere ich mich an eine Ampel in Sarajevo, an der ich gemeinsam mit der R1300GS ganz vorne stand.
Während wir auf Grün warteten, spielte mein Nebenmann mehrfach am Gasgriff.
WROOOM.
WROOOM.
WROOOOOM.
Ich hatte den Verdacht, dass er das absichtlich etwas häufiger tat als nötig. Schließlich kann meine Elektrische konstruktionsbedingt beim Standgeräusch nicht wirklich mithalten.
Dann sprang die Ampel auf Gelb.
Und plötzlich konnte die R1300GS konstruktionsbedingt beim Ampelstart nicht wirklich mithalten.

Das liegt nicht daran, dass die GS zu wenig Leistung hätte. Ganz im Gegenteil. Aber vernünftige Benzinerfahrer lassen in der Innenstadt weder den Motor bis zum Begrenzer hochdrehen noch die Kupplung qualmend kommen.
Die Elektrische hat keine Kupplung, keinen Schaltvorgang, keinen Lärm und keine Hemmungen.
Für die ersten Meter an der Ampel sind das überraschend gute Voraussetzungen.

Ein weiterer Höhepunkt ereignete sich in Sarajevo.
Als ich in der Altstadt ein Elektromofa sah, kam mir eine Idee.
Am Abreisetag musste ich von meinem Hotel zum Treffpunkt der Benzinerfraktion wechseln. Luftlinie knapp 200 Meter durch die Fußgängerzone. Die legale Straßenroute führte dagegen über Hauptstraßen, Straßenbahnschienen, Ampeln, dichten Verkehr und einen völlig unnötigen Umweg.
Also wählte ich die kurze Strecke.
Rechtlich ist die Sache einfach: Wer ein Motorrad schiebt, gilt als Fußgänger.
Und woran erkennt ein Außenstehender, ob der Motor läuft?
Richtig.
Am Geräusch.
Ich bewegte mich also mit Schrittgeschwindigkeit durch die Altstadt, tat so, als würde ich schieben, grüßte höflich die bereits besetzten Caféterrassen, machte noch ein Erinnerungsfoto vor dem Geschichtsmuseum und erreichte völlig problemlos die andere Seite.
Niemand schimpfte.
Niemand hupte.
Niemand bemerkte etwas.
Zumindest hoffe ich das.
Museum.jpeg
Geschichtsmuseums in Sarajevo

Meine Benzinerkollegen werden vermutlich bestätigen können, dass die Elektrische während der gesamten Tour fahrdynamisch nie auffiel. Egal ob gemütliche Landstraße, Passstraße oder zügige Verbindungsetappe – sie hing zuverlässig am Hinterrad des Vordermanns.
Selbst dann, wenn sich dieses Hinterrad mit deutlich über 180 km/h durch die Landschaft bewegte.

Den schlechtesten Eindruck hinterließ die Elektrische ausgerechnet in Bosnien, als ich einmal ganz vorne fuhr.
Dort weigerte ich mich hartnäckig, die geltenden Geschwindigkeitsbegrenzungen um mehr als 20 km/h zu überschreiten.
Die Begeisterung der Gruppe hielt sich in Grenzen.
Ansonsten bestand die Kleine ihren Härtetest mit Bravour.

Das Fazit nach über 3.000 Kilometern mit vier großen Verbrennern lautet daher:
Selbst die Dickschiffe können problemlos mit einer Elektrischen auf Tour gehen.
Man sollte ihnen nur vorher nicht zu früh erzählen, dass sie das tun werden.
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Re: Vier Benziner und ein Stromer. Dalmatien, Bosnien, über 3.000 Kilometer: Wie geht das?

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Das Laden
Vor der Tour herrschte eine weit verbreitete Annahme:
Benziner und elektrische Motorräder können keine längere Tour gemeinsam fahren, weil die Benziner ständig auf die Elektrische warten müssen.
Nach über 3.000 Kilometern lautet mein Urteil:
Vollkommener Quatsch.

Der entscheidende Punkt ist nämlich, dass die Elektrische morgens immer voll ist. Während die GS-Fraktion noch über Reifendruck, Wetter-App und Frühstück diskutiert, steht die Batterie bereits bei 110 Prozent.
Auf den Straßen Sloweniens, Kroatiens und Bosniens bedeutet das drei bis vier Stunden zügiges Fahren.
Und dann passiert etwas Erstaunliches:
Die Fahrer bekommen Hunger.
Die eigentliche Kunst besteht also nicht darin, Ladestationen zu finden, sondern Futterstationen in der Nähe von Ladestationen.
Je nach Tagesetappe musste ich die Batterie mittags nicht einmal vollständig laden. Oft genügte ein Teilnachladen während des Essens. An manchen Tagen fiel die Ladepause sogar komplett aus. Auf den langen Heimstrecken, auf denen ich allein unterwegs war, teilte ich die Energieaufnahme einfach auf zwei Stopps auf.
Jeweils für das Motorrad und für den Fahrer.

Meine Elektrische beherrscht drei Ladearten:
- Typ-2 bis 12,3 kW
- Starkstrom bis 7 kW
- Schuko-Steckdose bis 3,3 kW
Schuko nachts im Hotel, Typ-2 unterwegs und Starkstrom zum Vergnügen.

Das erste Highlight gab es bereits am ersten Frühstücksstopp nach der Ankunft in Graz.
Während die Gruppe ein Restaurant stürmte, fragte ich die Bedienung, ob irgendwo Starkstrom verfügbar wäre.
Sie verschwand in Richtung Küche.
Kurz darauf erschien der Chef persönlich, zog die Fritteuse aus der Steckdose, rollte ein Verlängerungskabel heran und versorgte mein Motorrad mit sieben Kilowatt.
Die Elektrische bekam ihr Frühstück gleichzeitig mit ihrem Fahrer.
Das war der erste Moment, in dem die Skepsis der Benziner sichtbar zu bröckeln begann.
Starkstom.JPG
Spontanes Starkstromladen statt Fritteuse

Der erste geplante Ladestopp lag in Trbovlje.
Kurz davor entdeckte die Gruppe ein Motorradlokal auf einer Passhöhe und beschloss spontan eine Pause einzulegen.
Ich trennte mich von der Gruppe.
Aus Erfahrung wusste ich, dass niemand fünf Kilometer später schon wieder essen möchte.
Also fuhr ich allein weiter zur geplanten Ladesäule am Museum.
Dort erwartete mich eine Überraschung.
Das gesamte Gelände war für ein Fest abgesperrt.
Die Ladesäule war vorhanden.
Sie funktionierte.
Sie war lediglich vollständig mit Stehtischen umbaut und in Frischhaltefolie eingewickelt.
Man muss Prioritäten setzen.
Also lud ich stattdessen beim Lidl nebenan und ernährte mich auf kulinarischem Spitzenniveau von Supermarkt-Fastfood.

Das Bemerkenswerte daran:
Genau in dem Moment, als die Batterie voll genug war und ich das Ladekabel einpackte, fuhr die komplette Benzinergruppe am Lidl vorbei.
Essenspause gleich Ladepause.
Zeitverlust durch die Elektrische: Null Minuten.
Da ich ohnehin mit einem Solo-Nachmittag gerechnet hatte, verzichtete ich darauf, die Gruppe einzuholen.
Das Ergebnis war überraschend.

Ich kam rund eine Stunde vor den Benzinern am Hotel an.
Sie mussten unterwegs nämlich noch tanken und natürlich etwas essen.
Im Hotel konnte ich wie geplant an einer Steckdose laden und startete am nächsten Morgen wieder mit voller Batterie.

Der spannendste Ladepunkt der gesamten Tour lag in Knin.
Dort existiert im Umkreis von etwa 30 Kilometern keine Alternative. Wenn diese eine Säule nicht funktioniert, beginnt die Kreativität.
Ich hatte bereits mehrere Starkstrom-Notfallpläne vorbereitet.
Völlig unnötig.
Die Säule funktionierte perfekt.

Direkt gegenüber befand sich das Stammlokal des Motorradclubs „Stormriders“, in dem wir einkehrten.
Die Stimmung erreichte ihren Höhepunkt, als sich herausstellte, dass der Sohn der Wirtin in Isny lebt.
Für Außenstehende mag das belanglos klingen.
Für eine Gruppe Motorradfahrer aus der Gegend von Isny war das praktisch ein diplomatischer Staatsbesuch.
Kurz vor dem Espresso machte ich einen Fehler.
Ich wollte Fotos vom Motorrad machen.
Dafür schaltete ich die Zündung ein.
An was ich nicht dachte:
Die Zündung beendet den Ladevorgang.

Als ich später zurückkam, hatte die Batterie exakt denselben Ladestand wie zuvor.
Manchmal könnte man sich wirklich selbst in den Hintern beißen.
Dieser Fehler hatte gleich mehrere Folgen.
Die Benziner fuhren ohne mich los.
Ich musste länger laden.

Und während die anderen gerade noch trocken die Küste erreichten, wurde ich vom heftigsten Gewitter erwischt, das ich jemals auf dem Motorrad erlebt habe.
Wasserfälle liefen über die Straße.
Die Serpentinen verwandelten sich in Bäche.
Pfützen hatten Tiefen, die normalerweise auf Seekarten verzeichnet werden.
Zum ersten Mal überhaupt dachte ich darüber nach, den Rain-Modus zu aktivieren.
Die Elektrische hingegen zeigte keinerlei Interesse an meinem Drama.
Sie fuhr einfach weiter.
Obwohl sich Wasser und Strom angeblich nicht vertragen.
Trotz des Regens erreichte ich das Ferienhaus nur etwa fünfzig Minuten nach den anderen.

Das Laden dort entwickelte sich ebenfalls zu einer kleinen Geschichte.
Die Steckdose im Garten war vorhanden.
Mein Kabel reichte exakt bis zum Motorrad.
Perfekt.
Nur leider war die Steckdose ausgeschaltet.
Ein Anruf beim Besitzer in Hamburg brachte die Erklärung:
Smarthome.
Nachdem er seiner künstlichen Intelligenz erklärt hatte, dass ich tatsächlich Strom benötigte, funktionierte alles problemlos.
Gartensteckdose.jpeg
smarthomegesteuerte Gartensteckdose

Die Inselrunde am nächsten Tag war kurz genug, dass überhaupt keine Ladung notwendig war.

Am Dubrovnik-Tag stand eine Ladestation in der Nähe der Altstadt auf meinem Plan. Leider lag sie etwa zwanzig Minuten Fußweg von der Altstadt entfernt.
Gut, wenn man Benziner dabei hat.
Ich parkte die Elektrische an der Ladesäule, setzte mich auf den Soziusplatz der Multistrada und ließ mich als nichtzahlenden Kunden zur Altstadt chauffieren. Alternative wäre gewesen ein Taxi zu zahlen, das direkt neben der Ladestation stand.

Nach dem Stadtbesuch trennten sich die Wege.
Zwei Fahrer – ich nenne sie einmal die Vernünftigen – beschlossen, noch ein Museum zu besichtigen.
Übrig blieben die Unvernünftigen und die Elektrische.
Die ursprünglich geplante Route führte über kleinere Straßen zurück Richtung Ferienhaus.
Die Unvernünftigen hatten jedoch nach einer besonders ruppigen Nebenstraße genug von Romantik und Abenteuer und drängten auf eine größere, schnellere Straße.
Das bedeutete zwar einen Umweg.
Vor allem bedeutete es aber deutlich höhere Durchschnittsgeschwindigkeiten.
Und wenn die Unvernünftigen erst einmal unterwegs sind, bleibt es selten bei höheren Durchschnittsgeschwindigkeiten.
Die Schräglagen nahmen ebenfalls deutlich zu.
Für einen Elektrofahrer wäre das eigentlich der ideale Zeitpunkt gewesen, den berühmten Satz zu sagen:
„Könntet ihr vielleicht etwas langsamer fahren?“
Lieber hätte ich mir die Zunge abgebissen.
Also blieb ich auf meiner angestammten Position als Lumpensammler und fuhr hinterher.
Wobei bei den gefahrenen Geschwindigkeiten ohnehin keine Zeit zum Sammeln geblieben wäre.

Das Ergebnis war, dass die ursprünglich geplante Energiereserve etwas kleiner ausfiel als vorgesehen.
Nicht dramatisch, aber ausreichend, um kurz hinter der kroatischen Grenze einen ungeplanten Ladestopp einzulegen.
Direkt nach der Grenze fand ich eine wunderschön gelegene Ladesäule mit Parkanlage, Flussufer und Eiscafé.
Perfekt.
Dachte ich.
Leider lud dort bereits ein Auto und der zweite Ladeanschluss war defekt.
Der einzige technische Defekt einer Ladesäule während der gesamten Reise.
Sieben Kilometer weiter stand die nächste Säule.
Mitten im Gewerbegebiet.
Zwischen Waschanlage, Werkstatt und Supermarkt.
Kein Fluss. Kein Eis. Kein Charme. Dafür Strom.
Nach fünfzehn Minuten hatte ich genug Energie und verschwand wieder.
Die Unvernünftigen waren inzwischen sehr zügig direkt ins Ferienhaus gefahren.

Am nächsten Tag stand der Umzug nach Sarajevo an.
Die Gruppe teilte sich erneut auf.
Die Unvernünftigen wollten möglichst früh ankommen, weil für den Nachmittag Regen angekündigt war.
Den Vernünftigen war das egal.
Und die Elektrische hatte zusätzlich ein Reifenproblem.
Dazu später mehr.
Witzigerweise trafen die Unvernünftigen und die Elektrische getrennt aber fast zeitgleich in Sarajevo ein.
In Mostar sprach mich während des Parkens ein Mann an, der unbedingt wissen wollte, ob das Motorrad wirklich elektrisch sei.
Als er erfuhr, dass ich damit aus Deutschland angereist war, reagierte er ungläubig.
Er selbst fährt regelmäßig mit einem Elektroauto nach Bosnien und kennt die Infrastruktur gut.
Seine Reaktion schwankte irgendwo zwischen Respekt und leichter Fassungslosigkeit.
Meine Antwort war ehrlich:
Bis jetzt empfinde ich das Ganze eigentlich nicht als besonders schwierig.

In Sarajevo verlief das Laden in der Tiefgarage des Hotels völlig entspannt (und kostenlos).

Vor der Weiterfahrt nach Banja Luka lag meine nächste Ladestation etwa 600 Meter von den berühmten Wasserfällen in Jajce entfernt.
Die Benziner fuhren direkt zur Sehenswürdigkeit.
Ich zur Ladesäule.
Da ich die Strecke zu Fuß nicht laufen wollte, sprach ich die herumstehenden Busfahrer an.
Zum Glück war gerade Schulschluss.
Also brachte mich kurzerhand ein Schulbus bis zur Haltestelle an den Wasserfällen.
Nach Besichtigung und Getränk brachte mich die F750GS wieder an die Ladesäule und wir fuhren gemeinsam weiter.
In Banja Luka mussten die Benziner noch tanken.
Ich fuhr direkt zum Hotel.
Schließlich wollte ich nicht unnötig auf Benziner warten die tanken.

Danach kam der Tag der Trennung.
Die Benziner fuhren Richtung Graz.
Teilweise über Autobahn.
Igitt.
Ich dagegen bog Richtung Villach / Großglockner ab.
Wenn man von der besonderen und wunderschönen Landschaft und Strecke mal absieht, verlief von dort ab alles langweilig problemlos.
- Burgeressen mit Laden in Jastrebarsko,
- Schlafen, Essen und Laden im motorradfreundlichen Viersternehotel Grof.
- Cappuccino mit Croissant am Faaker See im Standbadrestautrant (und Laden neben dem Eingang),
- Pizza und Lärmmessung (und Laden) in Winklern vor dem Großglockner,
- Schlafen im Ski&Golf Chalet bei Lorenza in Mittersill, Laden im Gartenhaus,
- Steakessen im Hirschen in Imst und Laden im Coupra-Showroom,
- leckerer Erdbeerkuchen und gute Gespräche bei Freunden in Isny (und Laden).
Die ersten Tropfen eines Gewitters erreichten mich erst, als ich zuhause in die Garage rollte.
Perfektes Timing.

Wenn man diesen Abschnitt zusammenfassen möchte, dann vielleicht so:
Das war ein ziemlich langes Kapitel über Probleme, die nie aufgetreten sind.
230 Volt in der Unterkunft, Typ-2 unterwegs und notfalls Starkstrom als Plan B.
Unterm Strich habe ich ungefähr genauso lange auf Benziner an Tankstellen gewartet wie sie auf mich an Ladesäulen.
Jaice.png
High-Tech Ladesäule in Jajce bei den Wasserfällen, Bosnien.
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Re: Vier Benziner und ein Stromer. Dalmatien, Bosnien, über 3.000 Kilometer: Wie geht das?

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Die (anderen) Reifen
Reifen sind für Motorradfahrer ungefähr das, was Wein für Franzosen oder Motoröl für BMW-Fahrer ist:
Ein Thema, über das man stundenlang diskutieren kann.

Auf meiner K1200R fahre ich seit Jahren Metzeler und bin damit sehr zufrieden.
Mit den serienmäßigen Pirelli-Reifen der Elektrischen hatte ich dagegen nie ganz meinen Frieden geschlossen.
Zum einen störte mich der Verschleiß. Auf der großen Tour 2025 verlor der Hinterreifen ungefähr einen Millimeter Profil pro 1.000 Kilometer. Bei einem Neureifen mit gerade einmal fünf Millimetern Profil ist das keine besonders beruhigende Rechnung.
Zum anderen musste die Traktionskontrolle mehrfach eingreifen, wenn der Fahrbahnbelag abrupt von „trockenem Asphalt“ auf „trockenen weißen Fahrbahnstrich“ wechselte.
Das kannte ich von der K1200R so nicht.
Also bekam die Elektrische vor dieser Tour einen frischen Satz Metzeler.

Auf der Reise zeigte sich schnell, dass auch die Metzeler die Physik nicht vollständig abschaffen können. Beim Wechsel von Asphalt auf Fahrbahnmarkierungen musste die Traktionskontrolle gelegentlich ebenfalls eingreifen.
Offenbar ist der Sportmodus der Elektrischen so abgestimmt, dass er die Haftungsgrenzen der Reifen durchaus ausnutzt.
Der Verschleiß dagegen war beeindruckend.
Nach über 3.000 Kilometern fehlten lediglich rund 1,5 Millimeter Profil.
Punkt für Metzeler.
Trotzdem war ich kurz davor, die Reifen noch während der Tour austauschen zu lassen.

Die Geschichte begann auf der Rückfahrt von Dubrovnik über Bosnien.
Genauer gesagt auf der Runde mit den Unvernünftigen.
Während die Vernünftigen Museen besichtigten, beschlossen die Unvernünftigen, den Heimweg mit erhöhtem Kurventempo und leicht angehobener Durchschnittsgeschwindigkeit zu würzen.
In einigen Kurven hatte ich plötzlich ein seltsames Gefühl.
Nichts Dramatisches.
Aber das Motorrad fühlte sich anders an als sonst.
Zunächst schob ich es auf die Straße.
Dann auf die Bodenwellen.
Dann auf meine Tagesform.
Auf genau dieser Strecke wollte der Fahrer der R1250GS – gleichzeitig der größte Kritiker elektrischer Motorräder in unserer Gruppe – endlich einmal die Elektrische Probefahren.
Natürlich durfte er.
Ich übernahm seine GS und fuhr hinterher.
Allerdings hatte ich Mühe, mitzuhalten.

Als wir anhielten, stieg er von der Elektrischen ab und verkündete sein Urteil:
„Der Motor ist super. Aber das Fahrwerk ist scheiße. Die fängt in Schräglage auf Bodenwellen an zu pendeln. So was würde ich nie kaufen.“
Damit war die Elektrische in seiner persönlichen Testwertung endgültig durchgefallen.

Leider konnte ich nicht sofort widersprechen.
Denn auch ich hatte dieses seltsame Verhalten bemerkt.
Er verdächtigte das Fahrwerk.
Ich verdächtigte die neuen Reifen.
Beide lagen daneben.
Auf dem Weg zurück ins Ferienhaus wurde das Verhalten zunehmend deutlicher.
Vor allem in schnelleren Kurven.
Vor allem auf Bodenwellen.
Vor allem dann, wenn man gerade darüber nachdachte, ob vielleicht doch etwas kaputt sein könnte.
Am nächsten Morgen kontrollierte ich vorsichtshalber den Luftdruck.
Der Hinterreifen zeigte knapp ein Bar.
Also praktisch nichts.

Plötzlich ergaben die Ereignisse des Vortages deutlich mehr Sinn.
Zum Glück hatte ich einen kleinen Akku-Kompressor dabei und konnte den Reifen wieder auf Sollwert bringen.
Trotzdem entschied ich mich, die direkte Route nach Sarajevo zu nehmen.
Sollte der Reifen tatsächlich beschädigt sein, gäbe es dort genügend Werkstätten und Reifenhändler.
Auf dem Weg dorthin hielt ich ungefähr alle fünfzig Kilometer an und pumpte nach.
Insgesamt verschwanden über drei Bar Luft im Reifen.
Kleine Randnotiz:
Trotzdem kam ich nahezu zeitgleich mit den Unvernünftigen in Sarajevo an.
Im Hotel wurde zunächst geladen.
Danach suchte ich einen Reifenhändler.
Mit Hilfe von Google Translate und etwas Detektivarbeit entdeckten wir die Ursache:
Nagel.jpeg
Ein etwa drei Zentimeter langer Nagel mitten im Profil.

Vermutlich hatte ich ihn mir irgendwo in Dubrovnik eingefangen.
Rückblickend erklärt das natürlich einiges.
Ein Hinterreifen mit einer tödlichen Stichwunde entwickelt bei hohen Geschwindigkeiten und größeren Schräglagen gelegentlich ein leicht nervöses Verhalten.
Wer hätte das gedacht?

Ein wenig peinlich war die Sache schon.
Für mich.
Und auch für den Fahrer der R1250GS.
Schließlich hatten wir beide sofort komplexe technische Theorien entwickelt, anstatt zuerst an einen simplen Nagel zu denken.

Die Reparatur dauerte nur wenige Minuten:
- Nagel herausziehen.
- Stopfen einsetzen.
- Luft aufpumpen.
- Zehn Euro bezahlen.
Fertig.
Damit waren sowohl die Metzeler als auch das Fahrwerk rehabilitiert.

Der größte Gewinner der Geschichte war für mich jedoch der Reifen selbst.
Denn trotz des massiven Druckverlusts hatte er bei normaler Fahrweise erstaunlich gut funktioniert.
Der heimliche Held der Geschichte war allerdings meine kleine Akku-Luftpumpe.
Ohne sie hätte die Sache deutlich komplizierter werden können.
Mit ihr lautete die Lösung:
- Anhalten.
- Nachpumpen.
- Weiterfahren.
Und trotzdem zeitgleich mit den Unvernünftigen ankommen.
Manchmal sind die wichtigsten Ausrüstungsgegenstände eben nicht die teuren.
Sondern die kleinen.
Equipment.jpeg
Das wichtigste Zubehör: Typ-2 Ladekabel, Ladeziegel für 230V und 400V, Akkuluftpumpe, Ersatzzahnriemen, Regenschirm
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Re: Vier Benziner und ein Stromer. Dalmatien, Bosnien, über 3.000 Kilometer: Wie geht das?

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Bemerkenswertes
Erstaunlich war die Hilfsbereitschaft der Hotels beim Thema Strom.
Praktisch jedes Hotel fand eine Lösung. Manche wollten nicht einmal Geld dafür haben. Ich bestand grundsätzlich auf einer Pauschale von 5 Euro für Strom und Service pro Nachtladung – außer in den beiden Viersternehotels. Dort hätte man mich vermutlich etwas irritiert angeschaut.
Überhaupt war das Laden nachts deutlich unkomplizierter als erwartet.

Eine Sache dürfen die Hersteller elektrischer Motorräder allerdings gerne verbessern:
Die Lüfter.
Liebe Elektromotorradhersteller, ihr werbt ständig mit „No Noise“.
Nachts war meine Elektrische lauter als alle Benziner zusammen.
Sobald die Batterie lud, lief der Lüfter.
Und lief.
Und lief.
Wenn man am Mittelmeer eigentlich dem Wellenrauschen zuhören möchte oder das Motorrad direkt vor dem geöffneten Hotelfenster steht, ist das eher suboptimal.
Bitte baut leisere Lüfter ein!

Ein weiteres Erlebnis hatte ich in Vransko.
Dort half ich einem Benzinerfahrer dabei, sein Motorrad rückwärts aus einer Parklücke zu schieben.
Kaum stand die Maschine frei, wurde der Motor gestartet.
Ich stand direkt dahinter.
Mitten in der Erststart-Kaltmotor-Abgaswolke.
Liebe Benzinerfahrer:
Denkt gelegentlich an die Menschen hinter euch.
Ganz besonders an die Mitarbeiter des NightJet, die zwischen den Motorrädern herumkriechen, Gurte befestigen und sich um das Vorderrad der nächsten Maschine kümmern, während ihr den Motor startet.
Die bekommen deutlich mehr von euren Abgasen ab als euch vermutlich bewusst ist.

Eine weitere Beobachtung richtet sich an die Tierwelt Dalmatiens und Bosniens.
Liebe Schlangen:
Vor dem Überqueren einer Straße bitte kurz nach links und rechts schauen.
Insbesondere darauf achten, ob eine Ducati Multistrada unterwegs ist.
Vielen Dank.

Eine besonders nette Begegnung gab es im Hotel Grof in Vransko.
Mein Motorrad stand in der Garage an der Steckdose zwischen den Maschinen einer Gruppe Motorradfahrer aus der Gegend von Landshut.
Natürlich kam man ins Gespräch.
Natürlich wurde ich über die Reise ausgefragt.
Und natürlich landeten wir irgendwann bei der Technik des Motorrads.
Während ich erklärte, wie Laden, Reichweite und Leistung in der Praxis funktionieren, inspizierte einer der Fahrer aufmerksam die Reifen.
Dann kam sein bewunderndes Urteil:
„Da ist ja überhaupt kein Angststreifen mehr zu sehen.“
Ich antwortete trocken:
„Ein Motorrad braucht weder Auspuff noch Angststreifen, um Spaß zu machen.“
Das sorgte für allgemeine Zustimmung.
Zum Abschluss wurde ich noch auf ein Ankunftsbier eingeladen.
Sehr nette Truppe.


Etwas nachdenklich wurde ich bei einem anderen Vergleich:
Meine Elektrische benötigte auf dieser Tour nicht mal 9 kWh pro 100 Kilometer.
Das entspricht ungefähr dem Energieinhalt eines Liters Benzin.
Die anderen Motorräder verbrauchten mindestens vier Liter auf 100 Kilometer.
Wir fuhren dieselben Straßen.
Dieselben Geschwindigkeiten.
Dieselben Kurven.
Und hatten denselben Spaß.
Die naheliegende Frage lautet also:
Was machen die Benziner eigentlich mit den übrigen drei Litern?
Zur Einordnung:
Mit der Energiemenge, welche die vier Benziner in den 10 Tagen auf ihren rund 2.200 Kilometern zusätzlich verbrauchten, könnte meine Tochter ihr modernes Einfamilienhaus mit Wärmepumpe den halben Winter lang heizen.

Zum Abschluss noch ein großes Lob an den Tourplaner.
Die R1300GS hatte bei der Hotelauswahl ein ausgesprochen glückliches Händchen.
Alle Unterkünfte waren überdurchschnittlich gut.
Die beiden Viersternehotels stachen jedoch nochmals heraus (nicht nur im Preis):
Das President beeindruckte mich mit seinem herrlichen Blick auf die Altstadt und das Grof mit seinem Service für Motorradfahrer.
Ich habe bisher noch kein Hotel erlebt, das so konsequent auf Motorradtouristen ausgerichtet ist.
Von der Infrastruktur über die Garage bis zur Selbstverständlichkeit, mit der auch ein elektrisches Motorrad aufgenommen wurde, war dort alles auf Reisende auf zwei Rädern abgestimmt.
Wer mit dem Motorrad durch Slowenien kommt und eine Übernachtung sucht, sollte sich das Grof unbedingt merken.

Besonders gefreut hat mich die letzte Ladestation, bei der R1300GS und F750GS zuhause. Kaffee, Kuchen und ein gutes Gespräch, bevor es auf die letzten 100km nach Hause ging.
Isny.jpeg
Privates Laden bei Freunden in Isny
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Re: Vier Benziner und ein Stromer. Dalmatien, Bosnien, über 3.000 Kilometer: Wie geht das?

Beitrag von STF2023 »

Für Zahlenfetischisten steht alles im angehängten PDF
Dateianhänge
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Re: Vier Benziner und ein Stromer. Dalmatien, Bosnien, über 3.000 Kilometer: Wie geht das?

Beitrag von STF2023 »

Die Statements der Benziner
In umgekehrter Fahrfolge:

Die Multistrada:
„Am Ende haben uns die Ladestopps nicht gebremst, weil bei gemeinsamen Pausen oft die vorhandenen Lademöglichkeiten genutzt wurden. Dadurch konnten wir meist zusammenfahren. Der Planungsaufwand für die Ladestopps, die Suche von Alternativen, im Falle von belegten Ladestationen und die eingeschränkte Möglichkeit, einfach spontane Umwege zu fahren, würde mir persönlich aber einiges von dem Spaß an so einer Motorradtour nehmen.“

Die R1250GS:
„Letztlich geht es in der Elektro-Mobilität immer um Reichweite. Viele aktuelle Modelle sind da zu stark begrenzt und eignen sich eher für regionale Nutzung.
Deine Zero hat mich sehr beeindruckt mit Reichweiten zwischen 200-250 km

Dies setzt allerdings einen disziplinierten Fahrstil voraus, der die Rest-Reichweite immer im Blick behalten muss. Für mich ist Motorrad fahren aber vor allem ein emotionales Erlebnis, bei dem ich mich jederzeit entscheiden möchte zwischen angasen/bummeln oder verlängern/abkürzen. Das geht bei der ständigen Suche nach der nächsten Ladestation teilweise verloren, insbesondere wenn diese dann belegt oder sogar defekt sind.“

Die F750GS:
„Der einzige Nachteil für mich persönlich wäre, die fehlende Spontanität, die Motorrad fahren für mich auch ein Stück weit ausmacht. Solange man sich aber an die geplante Strecke, mit Lademöglichkeit hält, hat es überraschend wenig gestört. Ich hätte erwartet, dass wir uns fast immer aufgrund der Ladedauer zur Mittagszeit trennen müssen. Im Endeffekt war die Mittags- oder Sightseeing-pause aber oftmals lang genug um die Zero so voll zu bekommen, dass es bis zum nächsten Ziel reicht. Beeindruckend fand ich dafür wie schnell und direkt die Zero das Drehmoment auf die Straße bekommt, wenn man das erste mal von einer überholt wird, und sieht wie schnell, wie klein sie wird, wird einem klar warum jemand dieses Motorrad fahren würde.“

Die R1300GS:
„Hätte nie gedacht, dass die Fahrweise (Geschwindigkeit, Streckenführung) so signifikante Auswirkungen auf die Reichweite hat.

Hätte aber auch nie gedacht, dass dies am Ende so irrelevant ist: Auch wenn man nicht den ganzen Tag wegen Ladestops oder Reichweite zusammen fahren konnte, so ist man doch immer fast gleichzeitig am Ziel angekommen.“
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Re: Vier Benziner und ein Stromer. Dalmatien, Bosnien, über 3.000 Kilometer: Wie geht das?

Beitrag von STF2023 »

Abschlussstatement
Wieder einmal hat mich meine Elektrische positiv überrascht.

Eigentlich hatte ich nicht erwartet, dass eine gemischte Motorradtour durch Dalmatien und Bosnien so problemlos funktionieren würde. Dabei darf man nicht vergessen, dass insbesondere Bosnien und das kroatische Hinterland beim Ausbau der Ladeinfrastruktur noch deutlich hinter Mitteleuropa zurückliegen.

Ein wichtiger Punkt dabei: Die gesamte Strecke wurde von und für Benzinmotorräder geplant. Abgesehen von meinen drei zusätzlichen Heimreisetagen hatte ich keinerlei Einfluss auf die Routenführung. Die Ladeplanung musste sich an die bestehende Tour anpassen, nicht umgekehrt.

Trotzdem haben die normalen Pausen der Gruppe nahezu immer ausgereicht, um die benötigte Energie nachzuladen. Die wenigen Situationen, in denen es knapp wurde, hatten ihre Ursache nicht in den Möglichkeiten des Motorrads, sondern in äußeren Umständen oder – wie im Fall von Knin – im Verhalten des Fahrers.

Die Tour hat gezeigt, dass gemeinsames Reisen von Verbrenner- und Elektromotorrädern heute bereits deutlich besser funktioniert, als viele Motorradfahrer vermuten würden. Die Unterschiede liegen weniger im eigentlichen Fahren als vielmehr in der Pausenplanung.

Zum Abschluss noch eine eher scherzhafte Bitte:

Bitte nicht alle sofort zum Händler laufen und ein Elektromotorrad kaufen.
Solange wir noch eine kleine Minderheit sind, findet sich im Hotel immer eine freie Steckdose und an der Ladesäule meist noch ein freier Anschluss.

Mit mehreren Elektromotorrädern in der Gruppe – oder mit Fahrzeugen, die ausschließlich auf CCS-Schnellladung angewiesen sind – hätte die Planung deutlich anders ausgesehen. In einigen Regionen hätte man dann die ursprünglich geplante Route verlassen müssen.

Für diese Tour galt jedoch:

- Die Strecke funktionierte.
- Das Team funktionierte.
- Die Infrastruktur genügte.
- Und das Motorrad ebenfalls.
Edelweiss.jpeg
auf der Edelweißspitze am Großglockner
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Re: Vier Benziner und ein Stromer. Dalmatien, Bosnien, über 3.000 Kilometer: Wie geht das?

Beitrag von dominik »

Toller Bericht , da bekommt man echt Lust selbst mal ne längere Tour zu planen.
STF2023 hat geschrieben: Di 16. Jun 2026, 10:50 „Da ist ja überhaupt kein Angststreifen mehr zu sehen.“
Hierzu muss man auch wissen das der Angsstreifen je nach Reifenbreite, Reifenhersteller und Felgenbreite extrem unterschiedlich ausfallen kann.
Ich fahre die gleiche Tuono 1000 V2 wie letztes Jahr, mit dem gleichen Reifen, habe aber von 190/50 auf 180/55 gewechselt, Ergebnis auch bei gemütliche Fahrweise Reize ich die vorhandene Profilfläche voll aus, beim 190er war etwa 1cm Angsstreifen vorhanden.
Ein Kollege von mir hat 190/55 montiert, sein Reifen sieht aus als ob er nur geradeaus fahren kann, gut 2cm Angsstreifen, er fährt aber mein Tempo locker mit. ;)
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